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 clip9 09-10-2002 

Tag am Meer

Die Touristen-Saison in St. Peter-Ording nähert sich dem Ende. Doch Kite Buggy fahren, Golf spielen und zum Jever-Leuchtturm wandern macht auch im Oktober noch Spaß – deutschlandReise betreibt Freizeit-Forschung.

„Direkt überm Boden fängt der Himmel an“ - dieser Satz hätte Thomas D am Strand von St. Peter-Ording einfallen können. Denke ich so bei mir, während der Schlaf seine Sachen packt und langsam aus meinem Kopf auszieht. Cinemascope-Leinwand Autofenster: Der Sand leuchtet hell und zieht sich zu beiden Seiten kilometerweit, geht in einen schmalen Streifen graublaues Meer über, der Rest sind Wolkenberge. Kein schlechtes Startbild für einen Arbeitstag.

Ein User hat uns dorthin geschickt, wo das Land der Halbinsel Eiderstedt zuende geht, damit wir testen, ob Auto fahren am Strand tatsächlich so viel Spaß macht. Beach Racing mit Allrad-Antrieb ist ohne Frage witzig. Aber das haben wir schon gestern Abend direkt nach der Ankunft ausprobiert. Das Frühsport-Programm heute starten wir mit Bierdosen-Golf: Hole in Twentysix vom Auto bis zum Meer. Der Sport der Großkaroträger hat in uns neue Freunde gefunden. Aber am Handicap müssen wir noch arbeiten.

Wenn es einen Soundtrack zum Strand von St. Peter-Ording gibt, dann ist es das Flattern und Rauschen von Lenkdrachen. Überall um uns herum lassen Strandbesucher die bunten Gefährte rasante Manöver fliegen. Manche lassen sich davon sogar in einem Wagen über den Strand ziehen, entdecken wir überrascht. Das müssen wir uns näher anschauen.

Kite Buggys heißen die Gefährte, wie uns Horst Nebbe erzählt. „Das kommt aus Neuseeland, erfunden hat das ein gewisser Peter Lynn“, erzählt uns der stämmige 34 Jahre alte Schnauzbartträger. Mit seinem Buggy, der wie die tiefer gelegte Variante eines dreirädrigen Kinderwagens aussieht, ist er in der Strandsegelzone unterwegs. „Lynn hat sich von seinem Lenkdrachen über den Strand ziehen lassen und hatte keine Lust, zurück zu Fuß gehen zu müssen.“ Deshalb habe sich der Neuseeländer einen fahrbaren Untersatz gebaut und damit eine Trendsportart begründet. Mittlerweile gebe es spezielle Schirme und Wagen fürs Kite Buggy fahren, Kostenpunkt rund 800 bis 1000 Euro für einen Buggy samt Schirm, nach oben ist die Preisskala wie üblich offen.

„Herbst, keine Touristen, viel Platz und Mut“ – unter diesen Bedingungen können die Buggys über 100 Stundenkilometer erreichen, erklärt uns Nebbe. St. Peter-Ording liefert im Oktober drei der vier Punkte. Seit einem Jahr dürfen Nebbe und die anderen Buggyfahrer, die mit ihren Kollegen aus anderen Ländern auch Europa- und deutsche Meisterschaften austragen, offiziell in dem Teil des Strandes fahren, der zuvor für die traditionellen Strandsegler reserviert war. „Man braucht zum Fahren aber eine Lizenz“, sagt Nebbe, der im Sommer Wochenendkurse anbietet: „Man kann sich dabei nämlich echt wehtun.“

Nebbe führt uns die Steuerung des Schirms vor, der mit viel Feingefühl in der Luft gehalten werden will. Der Buggy wird mit den Füßen am Vorderrad gelenkt und kann ziemlich wilde Manöver vollführen, wie wir jetzt bei Nebbe sehen. „Extrem suchtgefährdend“, sagt der EDV-Spezialist über sein Hobby. Damit er mehr am Strand sein kann, arbeitet er nur 30-Stunden in der Woche, täglich von 7.30 Uhr bis 13.30 Uhr, dann rein in den Buggy. Die Sucht macht mir keine Sorgen, die umhersausenden Seile des Schirms schon. Weil Jörg und Philip aber komplett angefixt sind, verabschieden Martin und ich uns und fahren zum Golfplatz.

Ja, zum Golfplatz. Wir wollen nach Kastanien und Bierdosen mal richtige Bälle durch die Gegend schmettern. Der „Deichgrafenhof“ im nahen Tating-Esing ist ein öffentlicher 7-Loch--Golfplatz mit Driving Range, spielen darf dort jeder. Für drei Euro bekommen die Spieler einen Korb mit 50 Bällen, die Abschlagplätze liegen hinter dem Reetdachhaus, in dem Café und Anmeldung untergebracht sind. So ein Ball, der schnurgerade 150 Meter weit abzieht, ist schon eine ziemlich feine Sache. „Was ein Glück, das den Schlag Tiger Woods nicht gesehen hat, der würde sonst sofort seine Karriere beenden“, sagt Pro Brian Egan nach einem gelungenen Schlag. Dabei grinst der Golftrainer, der ein wenig nach Sean Connery aussieht, freundlich. Dass der Schläger kurz danach am Ball vorbeisaust, bekommt Egan mit, obwohl er mit dem Rücken zu mir steht: „Wenn von dem Schlag bloß der Ball was gehabt hätte…“ - sehr witzig.

Nachdem wir unsere Bälle in die Landschaft gezogen haben, treffen wir die anderen wieder. Jörg und Martin haben von Nebbe den Tipp bekommen, zum Leuchtturm vor Westerhever zu fahren – das sei der Turm aus der Jever-Fernsehwerbung. „Kein Stress, keine Termine“ – das passt zum Urlaubsmodus, in den wir geschaltet haben. Gott hat schon nach sechs Tagen Pause gemacht, da können wir uns am Neunten auch mal locker machen, denken wir uns und fahren raus zum Deich. Er ist es: der rot-weiße Turm aus der Werbung mit den zwei Häuschen davor. Seltsamerweise kommen wir alle vier gleichzeitig auf die Idee, uns mit ausgebreiteten Armen auf den Boden fallen zu lassen und nehmen uns vor, wirklich mal weniger Werbung zu gucken. Und morgen mal wieder ein bisschen zu arbeiten.




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